Veranstaltungsreihe “Das Begehren, anders zu sein und das Ende der DDR”

Zum 20. Jahrestag des Mauerfalls beleuchten wir Konflikte zwischen
politischer / kultureller Dissidenz und autoritär-sozialistischer
Staatsmacht bis 1989. Dissidenz verstehen wir als sehr breites Spektrum von
Praktiken, die von der Macht beargwöhnt
oder unterdrückt wurden. Dissidenz hat sich in der Alltagskultur, in
politischen Protestbewegungen (gegen den Einmarsch in Prag) sowie in den
Künsten (vom Punk bis zur Bohème) geäußert. Welche Rolle spielte das
Begehren, “ohne Angst verschieden sein” (Th. W. Adorno) für den Untergang
der DDR?

Alltag und Repression in der DDR
Eröffnungsvortrag von Anne Seeck
Termin: Di, 01.09.09, 19:30 Uhr
Kreuzbergmuseum
Adalbertstr. 95 A, 10999 Berlin
Der Vortrag setzt sich kritisch mit der Totalitarismustheorie als auch mit
der Verharmlosung der DDR auseinander. Die Rede von den “zwei deutschen
Diktaturen” empört viele Ostdeutsche, die sich auf die “soziale Sicherheit”
in der DDR berufen, aber diese hatte viele repressive Momente: Es gab ein
Recht auf Arbeit, aber auch ein Asozialengesetz. Es gab ein Recht auf
Wohnen, aber auch eine schwerfällige staatliche Wohnraumlenkung mit dem
Modell der Kleinfamilie als Lebensform und einen Verfall der
Altbausubstanz. Weder die alleinige Herausstellung der Repression noch des
Alltags ist angebracht.
Die DDR wird im Rückblick auch in Zeiten sozialer Verunsicherung nicht
angenehmer.

Blues-Messen in Ostberlin
Diskussion und anschließend Blues-Messe mit Holys Blues-Band
Mit Dirk Moldt (Autor einer Studie über die Bluesmessen 1979-1986), Rudi
Pahnke (Theologe und Organisator), Günther Holwas (Bluesmusiker).
Termin: Fr, 04.09.09, 20:00 Uhr
Jugendwiderstandsmuseum in der Galiläa-Kirche
Rigaer Str. 9-10, 10247 Berlin
Blues-Messen waren ungewöhnliche Gottesdienste mit Bluesmusik, die von
1979-1986 Tausende alternative Jugendliche anzogen. Zur ersten Bluesmesse
kamen 250 Jugendliche, später bis zu 9 000 Teilnehmer. Dem Staat waren
diese Messen zu politik-kritisch. Er versuchte, über die Kirchenleitung die
Organisatoren zu disziplinieren. So hatten die Veranstalter der Bluesmessen
nicht nur mit staatlichen Störmanövern, sondern auch mit innerkirchlichen
Auseinandersetzungen zu kämpfen.

“Too much future” – Punk in der DDR
Film und Diskussion mit Henryk Gericke (Autor des Films)
Termin: Do, 10.09.09, 19:30 Uhr
Archiv der Jugendkulturen e.V.
Fidicinstr. 3, 10965 Berlin
Punk war ein politisches Phänomen, jeder Punk ein “asoziales Element”, das
seine Zukunft riskierte. Punks waren “nicht entzückt von den aufgedrängten
‚sozialen Errungenschaften’ und nicht bedingungslos dankbar für einen
sicheren Kindergartenplatz, eine sichere Ausbildung, einen sicheren
Arbeitsplatz, einen sicheren Frieden, und all das in sicheren Grenzen”. Und
daher waren sie bald “sicher vor sich selbst – im Jugendwerkhof, im
Gefängnis, in der Armee oder durch die Disziplinierung seitens der Stasi”
(aus der Ankündigung zum Film). Zuviel Zukunft sollte für sie heißen: keine
Zukunft.

Punx not dead – seit 1980 auch in Friedrichshain
Diskussion und anschließend Konzert der Band “Namenlos”
Mit Gerhard Cyrus (ehem. Galiläa-Pfarrer),
Angela Kowalczyk (Punk, Autorin),
Micha Horschig (Punk, Musiker), Moderation: Dirk
Moldt (Historiker).
Termin: Fr, 11.09.09, 20:00 Uhr
Jugendwiderstandsmuseum in der Galiläa-Kirche
Rigaer Str. 9-10, 10247 Berlin
Die Galiläa-Kirche war seit 1978 ein Ort für unangepasste Jugendliche,
später auch für Punks. Auf welche Formen der Ausgrenzung reagierten sie,
welche Solidarität erfuhren sie? Was wollten sie?
Nach der Diskussion wird die Band “Namenlos” spielen, deren Mitglieder 1983
wegen eines Auftritts zu Haftstrafen verurteilt wurden. Sie stellen Stücke
aus ihrer neuen Platte “Freiheit – Gleichheit – Brüderlichkeit” vor.

Geschichte und Vielfalt der Ausreisebewegung aus der DDR
Vortrag von Bernd Eisenfeld
Termin: Di, 15.09.09, 19:30 Uhr
KreuzbergMuseum
Adalbertstr. 95A, 10999 Berlin
Nach dem Mauerbau gingen 570 000 DDR-Bürger in den Westen, davon 500 000
offiziell Ausgereiste, 38 000 Flüchtlinge und 33 755 freigekaufte
Häftlinge. Bei den Fluchtversuchen gab es viele Tote, noch am 8.März 1989
stürzte ein 32jähriger Mann mit seinem Ballon über Westberlin ab. Als immer
mehr Ausreiseanträge offiziell genehmigt und auch inhaftierte politische
Gefangene freigekauft wurden (seit 1977 erhielt die DDR für den Freikauf 95
847 DM pro Kopf), kam es zu einer Sogwirkung. Was wissen wir über die
Unterschiedlichkeit der Ausreisemotive? Bernd Eisenfeld verweigerte den
Wehrdienst 1966, war Bausoldat, 1968 zu 2 ½ Jahren Haft verurteilt wg.
Solidarisierung mit dem Prager Frühling, Ausreise aus der DDR 1975.

Verstörende Erfahrungen? MigrantInnen und nichtweiße Deutsche
erinnern sich an den Fall der Mauer
Podiumsdiskussion mit Angehörigen verschiedener EinwanderInnen-Communities
Termin: Di, 22.09.09, 20:00 Uhr
Samariter Kirchengemeinde
Samariterplatz, 10247 Berlin
(Riza Baran, Serafim Manhice, Alimamy Sesay, Zefas Macamo, Nuran Yigit, M.
Arabi, Murat Sengül u.a.)
Die Jahre 1989/90 waren für viele EinwanderInnen angefüllt mit
unbehaglichen Gefühlen, ja mit Ängsten. Das eigene Gedächtnis rief bereits
erlebte Diskriminierungen auf und die Zukunft schien bedrohlich. Zur
Erinnerung: Bei den Wahlen zum Berliner Abgeordnetenhaus im Februar 1989
erhielten die rechtsextremen “Republikaner”, die in einem Fernsehspot zu
der Melodie “Spiel mir das Lied vom Tod” Bilder von türkischen Kindern
zeigten, auf Anhieb 7,5%. Und dann fiel die Mauer unter einem Fahnenmeer.
Unsere PodiumsteilnehmerInnen berichten von ihren persönlichen Erfahrungen
und Gefühlen, in denen sich das Biografische mit der politischen Geschichte
verbindet.
Foto: Jörg Metzner
Arbeit und Alltag vietnamesischer VertragsarbeiterInnen
Vortrag von Uta Beth und Podium mit VertragsarbeiterInnen aus Angola,
Vietnam und Mosambik, anschl. Diskussion
Termin: Di, 29.09.09, 19:30 Uhr
Archiv der Jugendkulturen e.V.
Fidicinstr. 3, 10965 Berlin
Anfang 1989 lebten etwa 190 000 AusländerInnen in der DDR. Die meisten von
ihnen waren unter dem irreführenden Titel der “Ausbildungshilfe” gekommen,
leisteten aber oft Schichtarbeit. So nähten und bügelten Vietnamesinnen,
schufteten Mosambikaner in Schlachthöfen und Elektrokohlebetrieben,
bauten an der S-Bahn oder fertigten Glühlampen. Ihr Alltag war von
mannigfaltigen Restriktionen bestimmt. Ute Beth hat die Lebenswelten von
Vietnamesinnen in der DDR erforscht.

Der betriebliche Aufbruch im Herbst 1989 in der DDR
Vorträge von Renate Hürtgen und Bernd Gehrke
Termin: Di, 06.10.09, 19:30 Uhr
Mehringhof Versammlungssaal
Gneisenaustr. 2a, 10961 Berlin
Arbeit hatte in der DDR eine enorme Bedeutung, insbesondere die
sozialistischen Arbeitskollektive, die gleichzeitig integrierend und
kontrollierend wirkten. Die Unzufriedenheit staute sich in den Betrieben
an, so war die Produktivität gering, die Technik veraltet, der
Materialfluss oft unregelmäßig. Von Oktober 1989 bis zum Frühjahr 1990, in
Zeiten des Machtvakuums, verlangten ArbeiterInnen nach wirtschaftlicher
Mitbestimmung und initiierten die Gründung unterschiedlichster
Vertretungsorgane. Es wurden Basisgruppen gebildet und Betriebsdirektoren
abgewählt. Warum war diese Zeit der Experimente so schnell vorbei?

Das Begehren, anders zu sein und die staatssozialistische
Gouvernementalität
Vortrag von Wolfgang Lenk
Termin: Di, 08.10.09, 19:30 Uhr
Mehringhof Versammlungssaal
Gneisenaustr. 2a, 10961 Berlin
In seinen Vorlesungen über Gouvernementalität interessiert Michel Foucault,
wie die Macht das Gewimmel des gesellschaftlichen Lebens wahrnimmt. Und wie
sie sich von verschiedenen Experten beraten lässt, um das Soziale unter
Kontrolle zu bekommen. In der DDR waren die Rollen von Partei,
Regierungsapparat, Wissenschaft und Expertentum sehr eng miteinander
verzahnt – dementsprechend stark waren die Abwehrmechanismen gegen eine
authentische Außensicht. Mit Foucault’schem Blick fragen wir nach den
“Mikrophysiken der Macht”, die als gouvernementale Techniken schließlich
versagen müssen.

Gefördert vom Bildungswerk Berlin der Heinrich- Böll- Stiftung
in Kooperation mit:
Archiv der Jugendkulturen
Kreuzberg-Museum
Netzwerk Selbsthilfe
AG Einstürzende Mauern im Mehringhof
Explodierende Plastikwörter
Samariter Kirchengemeinde
V.i.S.d.P.:
Anne Seeck
E-Mail: anne.snk44@yahoo.de